Digitale Zukunft und historisches Erbe: Stadtspitze besucht das Niedersächsische Landesarchiv in Wolfenbüttel
Bürgermeister Ivica Lukanic, Stadtrat Kai Kratschmer, der für das Thema Digitalisierung zuständige Fachbereichsleiter Thorben Küsel und Florian Jürgens (stellvertretender Leiter des Baudezernates) besuchten das Niedersächsische Landesarchiv der Abteilung Wolfenbüttel. Der Leiter der Einrichtung, Dr. Brage Bei der Wieden, sowie Dr. Silke Wagner-Fimpel empfingen die städtische Delegation, um über die Bewahrung historischer Dokumente und den gemeinsamen Weg in das digitale Zeitalter zu sprechen. Im Zentrum des Treffens standen die Präsentation des digitalen Archivs sowie die künftige Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Landesbehörde.
Einblicke in das historische Gedächtnis der Region
Das seit 1955 am Forstweg beheimatete Archivgebäude birgt einen gewaltigen historischen Schatz. Mit rund 1,2 Millionen Archivalieneinheiten, darunter Akten, Urkunden, Karten und Pläne, entspricht der Bestand quantitativ etwa dem der benachbarten Herzog August Bibliothek. Aneinandergereiht entspricht der Bestand einer Länge von über 20 Kilometern. Die älteste Urkunde des Hauses stammt aus dem Jahr 877. Neben der Sicherung alter Schriften muss sich das Archivteam jedoch auch modernen Herausforderungen stellen. Klimatische Veränderungen und neuartige Schädlinge wie Papierfische bedrohen die physischen Bestände ebenso wie der Säuregehalt in Papieren, die zwischen 1850 und 1990 industriell gefertigt wurden.
Wolfenbüttel ist Vorreiter bei der Digitalisierung kommunaler Bestände
Ein zentrales Thema des Austauschs war die beispielgebende Stellung Wolfenbüttels bei der Digitalisierung kommunaler Archivbestände. Die Stadt nimmt hierbei niedersachsenweit eine echte Vorreiterrolle ein. Mit Ausnahme eines kleineren historischen Projekts in Duderstadt (Das Stadtarchiv Duderstadt ist zwischen 1996 und 1999 bis zum Jahr 1650 digitalisiert worden und war damals ein vielbeachtetes Pilotprojekt des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen) ist Wolfenbüttel derzeit die einzige niedersächsische Kommune, die einen derart umfangreichen Teil ihres älteren Stadtarchivs online verfügbar gemacht hat. Bislang galten groß angelegte Digitalisierungsmaßnahmen meist als Privileg staatlicher Archivbestände. Das Stadtarchiv Wolfenbüttel ist jedoch der erste große nichtstaatliche Bestand, der in diesem Umfang für die digitale Nutzung aufbereitet wurde.
Mittlerweile sind 5421Akten aus der städtischen Historie (1572 bis in die 1920er Jahre) digital erfasst und über das webbasierte Informationssystem Arcinsys abrufbar. Zu den digitalisierten Dokumenten gehören unter anderem historische Melderegister der jüdischen Samson-Schule, alte Baupläne, Meisterbriefe lokaler Handwerker sowie Theaterzettel von Aufführungen im Schlosstheater. Bürgerinnen und Bürger sowie Forschende können diese Quellen bequem und unkompliziert von zu Hause aus einsehen, was die Zugänglichkeit der lokalen Stadtgeschichte ganz erheblich verbessert.
Gemeinsame Strategien für die moderne Aktenführung
Um diese Vorreiterrolle weiter auszubauen, diskutierten die Vertreter der Stadtverwaltung und des Landesarchivs auch die langfristige rechtssichere Aufbewahrung künftiger, rein elektronischer Akten. Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur automatisierten Texterkennung und Erschließung historischer Handschriften wurde als vielversprechender Ansatz für kommende Projekte besprochen, wenngleich die Technologie bei sehr alten Schriften noch an ihre Grenzen stößt. Bereits heute profitiert die Kommune von einer vertraglich fest verankerten Kooperation, in deren Rahmen eine städtische Mitarbeiterin direkt im Landesarchiv eingesetzt ist, um die gesetzlichen Archivierungspflichten effizient zu erfüllen.
Ausblick: Niedersächsischer Archivtag in Wolfenbüttel
Diese partnerschaftliche Zusammenarbeit wird im kommenden Jahr eine besondere Würdigung auf überregionaler Ebene erfahren. Der nächste Niedersächsisch-Bremische Archivtag wird am 19. und 20. April 2027 in Wolfenbüttel stattfinden. Dieses Großereignis bietet eine hervorragende Gelegenheit, die fortschreitende Digitalisierung und den Erhalt des regionalen Kulturguts einem breiten Fachpublikum zu präsentieren.