Zeitreise in der Gärtnerstadt: Als Wolfenbüttels Erdbeeren noch an der Schweigerstraße wuchsen
Die traditionsreiche Geschichte der Wolfenbütteler Gärtnerstadt ist reich an Anekdoten und historischem Wandel. Wie sich der Erdbeeranbau vor 66 Jahren gestaltete, stand kürzlich im Mittelpunkt eines Austausches im Streckhof am Neuen Weg.
Der ehemalige Gärtner Jürgen Hartmann besuchte Geschäftsführer Andreas Meißler, um Erinnerungen an eine vergangene Ära der lokalen Landwirtschaft zu teilen. Hartmann, der als eines der letzten „Gärtner-Originale“ der Region gilt, belebte das Gespräch dabei mit der typischen und ausdrucksstarken Wolfenbütteler Mundart.
Vom Erdbeerfeld zum Einkaufszentrum
Das damalige Hauptanbaugebiet für die Erdbeeren war das sogenannte „Ahlumer Feld“. Wo sich heute an der Schweigerstraße ein modernes Nah- und Einkaufszentrum befindet, erstreckten sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch weite landwirtschaftliche Nutzflächen. Das Areal, aufgeteilt in die historisch als „drei Wannen“ bekannten Abschnitte, hatten die Gärtner von der hiesigen Hauptkirche gepachtet.
Kluge Fruchtfolge auf den Feldern
Der Anbau der Früchte erforderte präzise Abläufe und gärtnerisches Geschick. Ab August setzten die Betriebe die Jungpflanzen in drei Reihen auf einer Breite von 45 Zentimetern. Im weiteren Verlauf wurde die mittlere Reihe entfernt, um den verbleibenden Pflanzen ausreichend Raum zur Entfaltung zu geben. Die Flächen wurden zudem hocheffizient genutzt: Während der Wintermonate wuchs Kohl zwischen den Erdbeerreihen, der im darauffolgenden Frühjahr geschnitten wurde. Es folgte der Zwischenanbau von Radieschen und Rettich, bevor die Erdbeerernte im Sommer im Fokus stand.
Absatzwege und ein teurer Feiertag
Die geernteten Früchte gingen damals vorwiegend an die regionale Konservenindustrie oder an die Braunschweigische Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft, die für die Annahme der Erzeugnisse eine eigene Außenstelle in Wolfenbüttel unterhielt. Eine Besonderheit im Kalender der Gärtner stellte der 17. Juni dar. Der damalige Feiertag galt in den Betrieben als der finanziell verlustreichste Tag des Jahres, da sowohl die Ernte als auch der Verkauf an diesem Tag komplett ruhen mussten. Der Rückblick von Jürgen Hartmann zeigt eindrucksvoll, wie stark sich die landwirtschaftlichen Strukturen und das Stadtbild Wolfenbüttels in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.