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07.11.2017

Exotischer Nektar aus der Fruchtquelle

Jörg Ziehe baut zweimal in der Woche auf dem Wolfenbütteler Markt seine Fruchtquelle auf, aus der “exotischer Nektar” entspringt. Wer seinen Geschmack für Früchte und besonderes Gemüse neu entdecken möchte, ist hier richtig.

“Ich habe gleich gewusst, als ich diesen Platz gesehen habe auf dem Wolfenbütteler Markt – so frontal zum Eingang – das ist meiner”, erzählt Jörg Ziehe, während er sich eine Zigarette anzündet und es sich in der Herbstsonne behaglich macht. Wir sitzen ganz nahe vom Stadtmarkt, auf dem Hinterhof des Gourmet­marktes Röber. Hier arbeitet der gelernte Fleischer zwei Tage in der Woche. “Zwei Tage Markt, zwei Tage Einkauf für den Markt und zwei Tage Wurst machen, das ist eine ideale Kombination”, lacht er und blinzelt in die Sonne. Dass Jörg Ziehe einmal mit Früchten auf dem Wolfenbütteler Wochenmarkt handeln würde, das hätte er sich auch nicht träumen lassen. Der Weg für den gebürtigen Lessingstädter, den die Stadt nie losgelassen hat, zu diesem Engagement war lang. Gelernt hatte Jörg Ziehe in einer traditionsreichen Fleischerei in der Harzstraße – Wetter. “Die haben damals leider nicht die Zeichen der Zeit erkannt. Gegen die aufkommenden Supermärkte muss ein Fleischer heute schon etwas bieten”, erinnert er sich. Wetter machte zu und Jörg Ziehe zog es zu den Konkurrenten der kleinen Einzelhändler.

Die Zeit im Supermarkt

Der Supermarkt wurde seine zweite Berufsstation: jüngster Abteilungsleiter einer großen Supermarktkette, dann ein kurzes Intermezzo im Vertrieb für Gewürze, schließlich wieder Supermarkt. “Das war erst sehr attraktiv. Marktmanager, große Aufgaben – aber auch sehr viel Stress”, erinnert sich Ziehe. Dann kamen erst familiäre Umbrüche und schließlich auch ein beruflicher Neuanfang: “Im Supermarkt wird nur auf Masse produziert. Wöchentlich zwei bis drei Tonnen Fleisch verarbeiten und verkaufen. Ich konnte einfach kein Fleisch mehr sehen”, erklärt er seinen Neustart. Und den verschaffte ihm der Zufall oder das Schicksal. Ein Freund habe ihm, um auf andere Gedanken zu kommen, zum Markt in Braunschweig mitgenommen. Dort verkaufte Jörg Ziehe dann zum Spaß Gemüse und Obst. Und nach dem ersten Tag überlegten die beiden sich: Warum nicht einfach selbst einen Stand aufmachen? Jörg Ziehe nahm Geld in die Hand, 1.000 Euro, und kaufte sich einen Schirm, einen Verkaufstisch und einen alten Passat mit Anhänger.

Die kulinarische Idee

Davor meldete er sich beim Marktmeister, um seine Idee vorzutragen. Jene Idee, die ihn heute zum Anziehungspunkt für Feinschmecker von nah und fern werden ließ: Jörg Ziehe wollte besondere Produkte und Spezialitäten anbieten, die nicht alltäglich sind. “Früher gab es den Feinkostmarkt Klewe in Wolfenbüttel. Das war so ein bisschen mein Vorbild”, erklärt er. Und so machte er sich daran, exklusive Früchte und Bezugsquellen zu erforschen. Da ist zum einen der Großhandel in Hannover, den Jörg Ziehe zweimal in der Woche besucht. Dort sind die Mitarbeiter, die einen guten Draht zum Gourmet­anbieter Rungis express haben, schon an die “Extrawünsche” des Marktanbieters aus Wolfenbüttel gewöhnt. “Neulich habe ich zum Beispiel einen Beitrag über eine besondere Muskat-Traubensorte gelesen – die kam kurioserweise von England nach Frankreich, als Geschenk des englischen Königshauses. Ich habe so lange gedrängelt, bis ich die ersten Kisten davon anbieten konnte”, schmunzelt Ziehe. Wo man sonst im Supermarkt nur Trauben bekommt, gibt es bei seinem Marktstand nicht nur verschiedene Sorten mit Namen, sondern auch verschiedene Geschmacksrichtungen: süßer, oder fruchtiger, herber oder knackiger. Die “Flug-Früchte” reifen bis zum letzten Tag an der Pflanze aus und kommen dann über die Landeshauptstadt direkt nach Wolfenbüttel auf den Markt. Ob Ananas oder Papaya: Hier kann man seine Geschmacksnerven “resetten” und erleben wie es eigentlich munden sollte.

Immer auf der Suche nach Neuem

Zehn Jahre ist Jörg Ziehe jetzt mit dabei auf dem Wolfenbütteler Markt und man hat den Eindruck, dass er kein bisschen müde ist. Stattdessen ist der Mann mit der Melone auf dem Kopf immer wieder auf der Suche nach Neuem. Bei der Verabschiedung erzählt er noch von einem besonderen Erlebnis. Einmal habe er in Hannover eine Kiste roter “Ur-Kiwis” probieren können. “Die kommen nämlich gar nicht aus Neuseeland oder Australien, sondern aus China”, erklärt er und schließt genussvoll die Augen. “Der Geschmack ist kaum zu beschreiben: Unglaublich intensiv und aromatisch; ganz so, wie man sich eine Kiwi vorstellen möchte”, schwärmt er. Außer dieser einen Kiste, die auf dem Markt auch gleich verkauft war, konnte Jörg Ziehe bis jetzt noch nicht fündig werden. Aber, so verspricht er, er werde nicht aufgeben. Denn eines sei klar: Essen ist eine viel zu wichtige Sache, um sie nebenbei ohne Qualität und Sorgfalt zu betreiben: “Es gibt viele Leute, die kaufen sich ein Handy für 1.000 Euro aber zucken bei einer großen Ananas für 9 Euro zusammen. Wir sollten uns einmal überlegen, welche Bedeutung Lebensmittel eigentlich für uns haben sollten.” Und für den Winter, wenn bei uns die Fruchtquellen versiegen, dann gibt es bei Jörg Ziehe ausgereifte, erntefrische Orangen, die die wintergeplagten Wolfenbüttelerinnen und Wolfenbütteler die kalte Jahreszeit vergessen lassen.