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Marie Deutschmann: Hab und Gut im Bastkorbwagen mitgenommen (1946)

Ein selbstgebauter Korbwagen zählt zu den neuen Ausstellungsstücken im Bürger Museum. Damit wird die Geschichte von Marie Deutschmann erzählt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben wurde.

Sie verpackte ihr Hab und Gut in diesen, extra für die Flucht angefertigten, Bastwagen. Mit einem Eisenbahntransport wurde Deutschmann aus der schlesischen Grafschaft Glatz zunächst in das sächsische Freital umgesiedelt. 1954 reiste Deutschmann aus der DDR aus und zog nach Wolfenbüttel zu Verwandten.

Als Folge der deutschen Aggressionspolitik suchten nach dem Krieg rund 12 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches eine neue Heimat. Am 1. Oktober 1948 zählte die Stadt Wolfenbüttel rund 11.500 Flüchtlinge und Vertriebene. Dazu kamen mehrere Millionen „Displaced Persons“ (DPs). DPs waren vor allem überlebende Opfer aus den nationalsozialistischen Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern. Mehr zu diesem Thema auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung: Zwangswanderungen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Geschichte zum neuen Ausstellungstück und zu Marie Deutschmann:

Vertreibung aus Schlesien mit Bastkorbwagen 1946

Material: Bast, Holz, Metall

Marie Deutschmann, geboren am 29. Dezember 1894 in Bärengrund (Schlesien), nahm bei der Vertreibung 1946 aus dem schlesischen Ort Nesselgrund (Grafschaft Glatz) einen selbst zusammengebauten Korbwagen mit auf den Transport. Die Basttruhe hatte die damals 51 Jahre alte Schlesierin bereits im Vorfeld, vermutlich für die Flucht vor der unaufhaltsam heranrückenden Roten Armee, als Eigenbau mit vier Rädern versehen oder versehen lassen. Meist erhielten die Deutschen am Tag der Vertreibung von den polnischen Behörden nur rund zwei Stunden, um das Nötigste zusammenzupacken. Deutschmann konnte durch die vergleichsweise große rollende Truhe mehr als andere auf die Reise ins Ungewisse mit sich führen.


Die Achsen bildeten zwei Kanthölzer, zur Befestigung wurden vier große Schrauben durch den Boden des Korbes gebohrt und mit Muttern gesichert. Mit großem Improvisationstalent hatte man aus einem dicken Ast vier runde Holzräder gesägt und diese mit jeweils unterschiedlich großen Nägeln mit der Achse verbunden. Ein Metallbeschlag der Räder sollte eine möglichst lange Reise garantieren. Darüber hinaus schrieb sie in großen schwarzen Lettern den Familiennamen „Deutschmann“ auf die Längsseite des Korbes. Am Bastgeflecht befand sich damals ein mit Draht befestigter, handschriftlicher Zettel mit der Aufschrift „Marie Deutschmann nach Freital in Sachsen“.

Die der evangelisch-lutherischen Konfession angehörende Gastwirttochter hatte 1919 den Musiklehrer Paul Franz Josef Deutschmann geheiratet. Die Vertreibung trat Marie Deutschmann im Herbst 1946 alleine an, ihr Ehemann wurde seit mehreren Jahren beim Fronteinsatz vermisst. Vermutlich vom rund 100 Kilometer entfernten Bahnhof Jauer fuhr der Transportzug mit seinen Güterwaggons nach Freital in Sachsen. 1954 genehmigte die Deutsche Demokratische Republik im Rahmen der Familienzusammenführung ihren Antrag zur Umsiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. Auch für den Umzug nach Wolfenbüttel nutzte sie den selbstgebauten Basthandwagen. Sie wohnte zunächst bei ihren Verwandten Werner und Mathilde Friemel, die eine Bäckerei in der Ringstraße 1 in Wolfenbüttel betrieben. Bald zog sie in eine eigene Wohnung in der Frankfurter Str. 16 in das Haus der damaligen Fleischerei Steffen. Ihren vermissten Ehemann Paul erklärte das Amtsgericht Wolfenbüttel 1958 für tot. Marie Deutschmann starb am 25. Dezember 1978 in Wolfenbüttel.

Der Bastwagen ist eine freundliche Leihgabe von Familie Kertscher für das Bürger Museum der Stadt Wolfenbüttel.

In loser Folge stellen wir an dieser Stelle die neuen Exponate der Dauerausstellung vor.