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Kirchhof bei der Marienkirche

Lage des Kirchhofes (1899)
Lage des Kirchhofes (1899)
© Stadt Wolfenbüttel

Kirchhof bei der Marienkirche
(Nr. 1 im Übersichtsplan)

Auf dem heute parkähnlich gestalteten Areal um die Kirche Beatae Mariae Virginis befand sich einst der älteste Begräbnisplatz der Stadt. Etwa vierhundert Jahre lang, vom ausgehenden 14. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert, sind hier Begräbnisse vorgenommen worden; Generationen von Wolfenbütteler Hofbeamten und Bürgern fanden an diesem Ort ihre letzte Ruhestätte. Vereinzelt erhaltene Grabsteine oder Grabplatten an der Kirchenmauer und im Boden erinnern noch an Begräbnisse. Am Sockel der Kirche in etwa 4m Höhe kann man eingemeißelte Ziffern zur Kennzeichnung der Grabstellen erkennen.

Die erhaltenen Steine, oft erst später hier aufgestellte Grabplatten, stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Meist sind sie kunstvoll verziert mit barocker Ornamentik. Geknickte Blumen und gekreuzte Knochen weisen symbolhaft auf die Vergänglichkeit des Lebens hin, Putten halten Stundenglas und Totenschädel. In Stein gemeißelte Familienwappen und ausführliche Texte, mitunter in lateinischer Sprache, geben Auskunft über die Verstorbenen und ihre Lebensgeschichte. Bibelzitate bezeugen die Frömmigkeit.

Ein erkennbar auf jüngerer Zeit stammendes schlichtes Sandsteinkreuz an der Südseite gibt Rätsel auf:

Hier ruht unser lieber Vater
Karl Oelker
geb. 28.12.184 – gest. 2.8.1930

Im 20. Jahrhundert wurde hier niemand mehr bestattet. Es handelt sich um den Grabstein eines verdienten Kantors der Kirche; dieser Stein wurde nach Ablauf des Begräbnisses vom Hauptfriedhof im Jahr 2003 hierher versetzt.

Zur Geschichte des Kirchhofes und der Begräbnisse in der Kirche

Erste Erwähnung findet der Vorgängerbau der heutigen Hauptkirche, die Marienkapelle, im Jahre 1301. Einige Jahrzehnte später muss sie bereits von einem ständigen Kirchhof umgeben gewesen sein, dem sie als Begräbniskapelle diente. Eine 1395 gestiftete Kalandbruderschaft kümmerte sich um Verstorbene, tat Fürbitte und leistete den Angehörigen Beistand. Der Kaland, benannt nach den am 1. eines Monats (Calendae) stattfindenden Zusammenkünften, führte bis 1520 ein eigenes Totenregister. Nach Einführung der Reformation im Herzogtum wurde die Kalandbruderschaft aufgelöst.

In vorreformatorischer Zeit bildete die Oker die Grenze zwischen den Bistümern Halberstadt und Hildesheim. Die östlich der Oker gelegene Marienkapelle sowie die sie umgebende Siedlung ›Unserer lieben Frauen‹ unterstanden dem Bischof von Halberstadt.

Die westlich der Oker gelegene Burg mit der Dammfestung besaß ein Gotteshaus, die Longinuskapelle, aber keinen Begräbnisplatz. Im Jahre 1460 erteilte der Bischof von Halberstadt der Marienkapelle das Begräbnisrecht auch für die Verstorbenen der Dammfestung, die nun ebenfalls hier beigesetzt werden konnten.

Eine Aufwertung erhielt der Begräbnisplatz bei der Marienkapelle in der Regierungszeit des Herzogs Heinrich d. J. (reg. 1514-1568). Dieser ließ 1553 eine Gruftkapelle als herzogliches Erbbegräbnis errichten, um seine in der Schlacht bei Sievershausen gefallenen Söhne Philipp Magnus und Karl Victor hier beizusetzen. Die Epitaphe mit ihren Bildnissen sind noch heute in der Hauptkirche zu sehen. Die Marienkapelle wurde bald danach zu einer Pfarrkirche ausgebaut.

Herzog Julius ließ mit seiner Regierungsübernahme 1568 die Reformation im Herzogtum Braunschweig einführen. Um 1600, in der Regierungszeit des prachtliebenden Herzog Heinrich Julius, begann man mit der Planung des neuen großen Kirchenbaus, der heutigen Hauptkirche Beatae Mariae Virginis. Die Kirche gilt als der erste protestantische Großkirchenbau Deutschlands. Ihr Baumeister Paul Francke verstarb noch während der Bauzeit im Alter von 77 Jahren. Er fand seine letzte Ruhestätte unter dem Kirchenschiff. Ein Epitaph mit dem Bildnis Franckes an der Südseite des Innenraumes erinnert an den Meister und sein Schaffen.

Beim Neubau der Kirche entstand unter dem Hohen Chor eine Krypta, die neue Fürstengruft. In neunundzwanzig zum Teil kunstvoll verzierten Särgen ruhen dort die Gebeine der herzoglichen Familie, darunter auch die des Bauherrn Herzog Heinrich Julius, der 1613 in Prag verstorben war. Eine ausführliche Beschreibung der Särge ist in dem Buch ›Soli Deo Gloria. Die Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel‹ zu finden, das 1987 vom damaligen Landeskonservator Möller herausgegeben wurde. Die Fürstegruft kann außerdem im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Von »sonstigen Begräbnissen unter der Kirche« berichtet uns Christoph Woltereck. Im ›Chronicon‹, dem 1747 gedruckten Begräbnisbuch der Hauptkirche, nennt er mehr als 200 Begräbnisse unter dem Kirchenboden. Vorgenommen wurden die Begräbnisse hier im Zeitraum zwischen 1600 und 1701, sie befinden sich in Gewölben, gemauerten Gräbern oder im Erdreich. Der Fußboden der Kirche soll bis ins 19. Jahrhundert vorwiegend aus Grabplatten bestanden haben. Bei Restaurierungsarbeiten im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist leider vieles verloren gegangen. An den Seiten des Kirchenschiffes sind einige der Grabplatten noch zu finden, andere wurden an den Mauern befestigt. Auch hier kann man auf reich verzierten Steinen die Lebensgeschichten der Menschen studieren, findet Familienwappen und Symbole der Vergänglichkeit des Lebens.

Die Begräbnisse in der Kirche waren besonders wohlhabenden Hofbeamten und Bürgern vorbehalten, denn es entstanden dafür deutlich höhere Kosten als für Gräber auf dem Kirchhof. Außerdem wurden von den Hinterbliebenen Spenden zum Kirchenbau erbeten. Insbesondere die Fertigstellung der prächtig verzierten Zwerchhausgiebel auf dem Kirchendach war sehr kostspielig und wurde aus solchen Spenden finanziert.

Der angesehene Hofkapellmeister Michael Praetorius erhielt im Jahre 1621 sein ›Ruhebettlein‹ als Ehrengrab unter der Orgelempore. Von einem Epitaph, das sich über der nördlichen Empore befunden haben soll, bleibt uns leider nur die Beschreibung durch Woltereck. Michael Praetorius sei darauf abgebildet gewesen, daneben habe es Bibelzitate mit Bezug zur Himmelfahrt Christi sowie Lebensdaten des Verstorbenen und den Ruhm seines Werkes gegeben.

Auch der Prinzenerzieher und Sprachwissenschaftler Justus Georg Schottelius fand nach seinem Tode 1676 seine letzte Ruhestätte unter dem Kirchenschiff. Ein Grabstein ist nicht mehr auffindbar. Eine heute an der Südseite befindliche Grabplatte weist lediglich auf ein Begräbnis zweier Kinder von Schottelius hin.

Nach dem Kirchenneubau erstreckte sich die Nutzung der Begräbnisplätze außerhalb der Kirche über einen Zeitraum von nahezu 200 Jahren. Die Ausmaße des Kirchhofes entsprachen in etwa denen der heutigen Grünanlage. Zur Einfriedung des Geländes errichtete man im Jahre 1648 eine Ringmauer. Das Gebäude der Lateinschule (heute Standort des Gemeindehauses) musste 1708 einer Kirchhofserweiterung weichen.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurden innerstädtische Begräbnisse untersagt, vielerorts verlegte man die Friedhöfe in Außenbezirke der Städte. So wurde auch der Kirchhof bei der Marienkirche geschlossen, die Kirchhofsmauer wurde 1820 niedergelegt und das Gelände eingeebnet. Zahlreiche alte Grabsteine gingen verloren oder fanden als Gehwegplatten Verwendung. Im Jahre 1842 kam es zum Abbruch der alten Predigerhäuser, die nordöstlich der Kirche am Kornmarkt standen. Den gesamten Platz bei der Kirche wandelte man in eine Grünanlage um.

Text: Evelyne Kunkel