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Ehemaliger Friedhof ›Vor dem Herzogtore‹

Lage Friedhof vor dem Herzogtore (1899)
Lage Friedhof vor dem Herzogtore (1899)
© Stadt Wolfenbüttel

Ehemaliger Friedhof ›Vor dem Herzogtore‹
(Nr. 3 im Übersichtsplan)

Im Norden der Altstadt geht die heutige Verkehrsführung über den Kreisel und die Kenosha-Brücke. An dieser Stelle hatte Herzog August um 1660 bei der Erweiterung seiner Festungsanlagen ein neues Stadttor bauen lassen, das Herzogtor. 1820 wurde das Tor niedergelegt, doch der Name blieb in der Straßenbezeichnung ›Am Herzogtore‹ erhalten.

Von hier aus ostwärts, zwischen der verkehrsreichen Friedrich-Wilhelm-Straße und dem Verlauf der Oker, erstreckt sich eine Parkanlage mit prächtigem alten Baumbestand.Vereinzelte Grabmale wirken so natürlich in den Park eingestreut, dass sie von vielen Spaziergängern gar nicht wahrgenommen werden: Ein alter Friedhof, von dem die Natur wieder Besitz ergriffen hat. Und doch sind hier noch bis zum Jahre 1940 Beisetzungen erfolgt.

Rund 280 Jahre lang, von etwa 1660 bis 1940, befand sich auf diesem Gelände entlang des Festungsgrabens der Gottesacker mehrerer Kirchengemeinden. Anfänglich eingerichtet als Friedhof für die Soldaten der Garnison wurde bald auch ein »Ort für arme Sünder« geschaffen, für Personen also, denen man ein ehrenhaftes christliches Begräbnis versagte.

Wegen des Umbaus der Festungswerke vor dem Kaisertor, der heutigen Trinitatiskirche, waren die dortigen Begräbnismöglichkeiten eingeschränkt. Die Gotteslagersche- sowie die Schloss-Gemeinde benötigten dringend neues Gelände für ihre Begräbnisse. So wurde hier vor dem Herzogtore in mehreren Erweiterungen ein bis zur Oker reichendes Friedhofsareal mit einer gemauerten Uferböschung angelegt. Der Lageplan von 1898 zeigt die Größe des Friedhofes und die spätere Aufteilung zwischen den Gemeinden der Hauptkirche und St. Trinitatis. Ein kleiner Teil des Geländes, östlich zur Friedrich-Wilhelm-Straße gelegen, wurde seit 1830 der katholischen Gemeinde als erster katholischer Friedhof der Stadt nach der Reformation überlassen.

In der Mitte des gesamten Areals soll es eine kleine Leichenhalle gegeben haben, weiterhin war ein größeres Grundstück nördlich am Rande der Straße bebaut. Hier befand sich ursprünglich das Haus des Totengräbers mit Nebengebäuden, die 1916 abgerissen wurden. 1935 hat man zwei Grundstücke zur Bebauung freigegeben und verkauft.

Nachdem der Friedhof bereits geschlossen war, haben in Erbbegräbnissen bis 1940 vereinzelt noch Beisetzungen stattgefunden. Zuletzt ist die Urnenbeisetzung einer am 27. 12. 1940 verstorbenen Frau nachgewiesen. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren hat dieser Friedhof besonders stark unter Vandalismus zu leiden gehabt: In Zeiten der Materialknappheit bedienten sich nicht nur Anwohner hier und holten Böschungssteine, Einfassungen und Grabsteine auf ihre Grundstücke. Eiserne Ketten und anderes wurde demontiert und beim Altmaterialhändler zu klingender Münze gemacht. Spielende Kinder und Jugendliche taten ein Übriges. Der Zustand muss so schlecht gewesen sein, dass man Anfang der 60er Jahre in Erwägung zog, dieses Gelände baldmöglichst zu bebauen. Eine Anzahl von Bürgern setzte sich damals für die Erhaltung als Parkgelände ein.

Bei einer Bestandsaufnahme im Jahre 1966 konnten auf Grabsteinen noch rund 400 Namen von hier Beigesetzten nachgewiesen werden. Seither ist es durch Missachtung und auch durch den ›Zahn der Zeit‹ zu weiterem Verfall gekommen. Wenige der alten Grabdenkmäler sind noch vorhanden. Manches ist unleserlich geworden, anderes mit Mühe zu entziffern.

Ein markanter Grabstein hat die Form eines Tetraeders, einer dreiseitigen Pyramide. Es ist der Gedenkstein auf dem Grab des Freiherrn von Brandenstein. Die Inschrift, die im Jahre 2002 noch zu entziffern war, füllt die drei Seiten des sonst schmucklosen Denkmals völlig aus und lautet:

Erste Seite:
Ludwig Heinrich
Ein Sohn des ehemaligen fürstl. Oettingi: Freyherrn von Brandenstein, aus dem Hause Woelsdorf und Ranis und einer geborenen Freyin von Woellwarth, ward geboren zu Oettingen d. 31.Oct.1718. Er trat in seinem 13ten Jahre als ein Edelknabe in herzogl. Braunschw. Dienste; und starb d. 14. April 1789 als Generalmajor und Commandant zu Wolfenbüttel. Er vermählte sich nacheinander mit Christinen Henrietten Eleonoren und Julianen Augusten zwo Schwestern aus dem Geschlechte der Freyherrn von Lassperg. Die erste gebar ihm sechs Kinder, von welchen aber nur zwei ihn und die Jahre der Kindheit überlebten. Seine zwote Ehe blieb ohne Kinder, und er starb als Wittwer, ohne Bruder oder Brüder-Kinder zu hinterlassen.

Zweite Seite:
Er war wie dieses Denkmal einfach und ohne Prunk aber wahr, gerade und standfest. Er stand unerschüttert in den Erdbeben der Schlachten,wankte nie in der Treue gegen seinen Herrn,war ein Muster in der Liebe gegen seine Gattinnen, und der beste Vater gegen seine Kinder. Alles was er that, that er von ganzer Seele. So liebte er seine Freunde, so schlug sein Herze für jeden seiner Mitmenschen, und seine Gattinnen verdienten einen solchen Mann.

Dritte Seite:
August Georg Freyherr von Brandenstein
Herzogl. Mecklenburg : Schwerin: Cammerherr und Regierungs Rath und seine Schwester Christine Charlotte Friederike Hoffräulein der regierend : Herzogin zu Mecklenb : Schwerin : setzten dieses Denkmal für die Nachwelt. So lange sie leben steht dem Andenken ihrer Eltern in ihren Herzen ein Besseres. Gatten, Eltern, Freunde, Krieger, Mitbrüder jedes Standes, verlasst dies seltene Denkmal, selten, weil es nicht schmeichelt, mit dem schönen Vorsatz der Nacheiferung.

Einige besonders schöne Grabmale aus dem 18. Jahrhundert sind erhalten, auch der Schmetterling ist wieder aufzufinden. Die Steine des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind sehr viel schlichter in der Gestaltung. Ihre Beschriftung beschränkt sich zumeist auf Namen und Lebensdaten.

Einige Ruhestätten von herausragenden Wolfenbütteler Bürgerinnen sind erhalten geblieben:
– Auguste Raabe, Mutter des Schriftstellers Wilhelm Raabe, wurde 1874 beigesetzt.
– Henriette Schrader, geb. Breymann, Pädagogin und Schulgründerin, fand ihre letzte Ruhestätte 1899 in der Familiengrabstätte der Pastorenfamilie Breymann.
– Anna Vorwerk, Pädagogin und Gründerin der Schlossanstalten, Ehrenbürgerin der Stadt Wolfenbüttel, wurde im Jahre 1900 in der Familiengrabstätte ihrer Eltern beigesetzt.

Nähere Informationen über Leben und Werk der Pädagoginnen Anna Vorwerk und Henriette Breymann erfahren Sie beim Spaziergang ›Starke Frauen in Wolfenbüttel‹. Auf diesem Friedhof fanden auch zahlreiche Angehörige von Wolfenbütteler Gärtnerfamilien ihre letzte Ruhestätte.

Text: Evelyne Kunkel