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14.10.2019

„Aus dem Wohlstandsschlaf erwachen und unsere Demokratie verteidigen“

Als nach zehn Minuten Geläut die Glocken der Wolfenbütteler Kirchen verstummten, waren über 250 Menschen rund um das jüdische Mahnmal am Harztorplatz versammelt. Landrätin Christiana Steinbrügge, Bürgermeister Thomas Pink und Jürgen Kumlehn hatten am Freitag, 11. Oktober 2019, zu einer Gedenkstunde nach dem Anschlag in Halle an diesen Ort eingeladen.

Bürgermeister Thomas Pink berichtete, wie er am Mittwoch die Nachrichten vom Angriff auf die Synagoge in Halle verfolgte. „Erst war die Lage unklar, nach und nach klärte sie sich. Ich fragte mich, wie kommt es zu so etwas. Wut, Trauer, Scham und Ekel kamen in mir auf, dass so etwas in unserem Land 85 Jahre nach dem Holocaust wieder passieren konnte. Ja, ich war verzweifelt. Und ja, dieser Tag ist ein Tag der Schande für unser Land“, so der Bürgermeister. Dem Gefühl der Resignation folgte aber das Verlangen, Widerstand zu leisten: „Keinen Zentimeter mehr für die Totengräber unserer Demokratie und unseres Rechtsstaates. Ich lasse mir diesen wunderbaren Staat nicht von Typen wie diesem Stefan B. kaputtmachen. Ich lasse ihn mir nicht kaputtmachen von Politikern, die Deutschland wieder reinigen wollen und nicht von Aktivisten, die Hass und Spaltung wollen. Es muss ein Ende haben.“ Die Bürger müssten Courage und Mut zeigen und diesem Gedankengut widersprechen. „Wachen wir aus unserem Wohlstandsschlaf auf und werden Teil einer wehrhaften und streitbaren Demokratie. Wir müssen jeden Tag für unsere Freiheiten kämpfen“, so Pink. Er mahnte auch die konsequente Durchsetzung des Rechtsstaates an.

Jürgen Kumlehn trug zunächst zwei Gedichte jüdischer Mitbürger vor, bevor er deutlich Worte zur politischen Situation in Wolfenbüttel fand. „Auch in unserer Nähe leben Bürger, die sich als Wölfe im Schafspelz hinter Biedermännern verstecken. Manche Aussagen von ihnen sind eher brennende Streichhölzer als Worte. Sie gehören der Partei mit dem führenden Neonazi Höcke an. Sie tun aber so, als hätten sie rein gar nichts mit dem zu tun. Aufklärung tut Not.“

Nach einer Schweigeminute im Gedenken der Opfer griff Landrätin Christiana Steinbrügge das Thema „Schweigen“ auf: „Im Schweigen sind wir den Menschen aller Nationen und Religionen in Halle verbunden, die unmittelbare Zeugen dieser Gewalttat waren. Insbesondere aber den Opfern und ihren Angehörigen. Durch schweigen und still sein sind die Anderen nicht nur die Adressaten unserer Anteilnahme, vielmehr sind wir so mit ihnen berührt und verwundet. Wir schweigen heute, aber wir verstummen nicht. In dieser Stunde und in diesen Tagen ist es wichtig, das Doppelgesicht des Redens anzuschauen. Worte können den Weg zur Verständigung bahnen. Worte vermögen auch, sich zur eigenen Schuld zu bekennen und vor der eigenen Scham nicht den Mund zu verschließen. Aber wir werden durch das, was der Täter ins Netz gestellt hat, auch der zerstörerischen Kraft der Sprache gewahr: Böse Worte werden gegen andere erhoben, Hass und Ressentiment werden über Menschen anderer Religionen, Herkünfte und Hautfarben ausgeschüttet. Diese hemmungslos herausgeschriene Wut ist der aller letzte Schritt, bevor das Wort zur Wuttat wird. Angesichts dessen dürfen wir nicht verstummen, sondern müssen mutig solcher Rede entgegentreten und Zeugen einer anderen Wahrheit sein.“ Nur auf den ersten Blick sei die Terrortat von Halle die eines Einzelnen. In Resonanz- und Echoräumen werde zur Verachtung und Gewalt angestachelt. Rechtsextremistische Propaganda infiziere gegenwärtig Menschen und Länder an allen Orten. Die Morde in Halle stünden in Beziehung zu den Anschlägen auf die Synagoge in Pittsburgh und die Moschee in Christchurch. „Gegen den Sog der Gewöhnung an solche Greul ist in dieser Stunde und an allen Tagen unser vernehmbares ‚Nein!‘ zu sprechen“, so Steinbrügge.

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