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12.11.2019

Bürger Museum zeigt den Mauer­fall vom 12. November 1989

Vor 30 Jahren schrieben die Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik Geschichte. Dank der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland fiel am 9. November 1989 die Mauer. Es war eine der größten deutschen Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Mit den Sonderausstellungen „Grenzgänger – Wolfenbütteler Lebenswege in Ost und West“ und „Der Weg zur deutschen Einheit“ erinnert das Bürger Museum Wolfenbüttel an die emotionalen Tage.

Bei Mattierzoll fiel der Eiserne Vorhang am 12. November 1989

Am Sonntagmorgen des 12. November 1989 wurde im Landkreis Wolfenbüttel Geschichte geschrieben: Drei Tage nach dem Mauerfall in Berlin öffnete ein ostdeutscher Bautrupp gegen 7.58 Uhr bei Mattierzoll den Eisenzaun. Rund 200 Männer und Frauen vorwiegend aus Winnigstedt und Roklum hatten die Nacht über bei einem Lagerfeuer auf den historischen Augenblick gewartet. Die ersten Grenzgänger am zukünftigen Grenzpunkt Mattierzoll-Hessen waren die vier ostdeutschen Bauarbeiter in einem Trabant.

Kurz nach 8 Uhr entwickelte sich über den ehemaligen Bahndamm ein reger Grenzverkehr zwischen Ost und West. Roklumer und Winnigstedter nahmen die ersten Besucher aus der DDR herzlich in Empfang. Statt eines Visums reichte zum Grenzübertritt der Personalausweis. Der bis dato vorgeschriebene Zwangsumtausch von DM in Ostwährung entfiel. Ein zweiter Grenzübergang zwischen dem Landkreis Wolfenbüttel und der DDR wurde am darauffolgenden Sonnabend, 18. November 1989, eröffnet. Zwei ältere Fahrradfahrerinnen aus dem benachbarten Bühne schrieben ebenfalls deutsch-deutsche Geschichte, als sie bei eisigem Wind um 6 Uhr bei Willeckes Lust aus Richtung Osterwieck kamen und als erste Ostdeutsche westdeutschen Boden betraten.

Trabbis, Wartburgs und Ladas prägten die Ortsbilder

Ab Freitag, 17. November 1989, erlebte der Landkreis Wolfenbüttel über einen Zeitraum von drei Tagen die größte Besucherwelle aus der DDR. Um den Ansturm auf die Städte und Dörfer zu koordinieren, ließ die Wolfenbütteler Kreisverwaltung am Grenzübergang Mattierzoll Infoblätter über Tankmöglichkeiten, Begrüßungsgeld, Übernachtungsmöglichkeiten und die wichtigsten Telefonnummern an die Einreisenden verteilen.

Ein kostenloser Pendelverkehr ab Mattierzoll sorgte dafür, dass die ostdeutschen Gäste im Stundentakt nach Wolfenbüttel und Schöppenstedt reisen konnten. Die Firma Jägermeister stellte Parkplätze zur Verfügung und sorgte zudem für die Verpflegung der Besucher der Herzogstadt. Dennoch standen die Trabbis und anderen Ostfabrikate dicht an dicht. Besonders großer Besucherandrang herrschte in der Langen Herzogstraße und auf dem Wolfenbütteler Stadtmarkt vor dem Rathaus, wo sich die Gäste aus der DDR das Begrüßungsgeld in Höhe von jeweils 100 DM auszahlen ließen. Insgesamt 19.200 Gäste aus der DDR besuchten an diesem Wochenende die Lessingstadt. Rund 10 Tage nach der Grenzöffnung hatte die Stadt Wolfenbüttel bereits 4,1 Millionen DM als Begrüßungsgeld ausgezahlt. Bis zum 31. Dezember 1989 wurden alleine am Grenzübergang Mattierzoll-Hessen rund 260.000 Fahrzeuge und 900.000 Reisende gezählt.

Ost und West wächst zusammen: Erste Begegnungen und Partnerschaften

Ein gemeinsames Kaffeetrinken und Kuchenessen waren die ersten intensiveren Berührungspunkte zwischen West- und Ostdeutschen nach der Grenzöffnung. Spontan luden die Bewohner des Kreises Wolfenbüttel vor allem in den grenznahen Orten und in den Städten Wolfenbüttel und Schöppenstedt Familien von jenseits der Grenze in ihre gute Stube ein und diskutierten über die politischen Entwicklungen.

An der Tagesordnung waren fortan gegenseitige Besuche von Sportvereinen aus West und Ost; auf diese Weise entstanden viele zum Teil bis heute anhaltende tiefe Freundschaften. „Halberstadt begrüßt seine Gäste. Deutschland einig Vaterland“ – Mit solch einem Transparent empfing eine Ostbürgerin in der Nacht auf Heiligabend am Grenzübergang Mattierzoll die Besucher aus dem Westen und drückte so die Verbundenheit aus. Autos suchten sich einen Weg durch das Spalier von Wunderkerzen und Fackeln. An gleicher Stelle feierten rund 1.000 „Wessis“ und „Ossis“ den Jahreswechsel 1989/90.

Die Ost-West-Beziehung: Freundschaftsvertrag Wolfenbüttel–Blankenburg von 1990

Ost-Westdeutsche-Städtepartnerschaften sind nach der Wende an der Tagesordnung und symbolisieren das Zusammenwachsen der Deutschen. Nicht einmal 30 Tage nach dem Mauerfall besuchten Ratsmitglieder der Stadt Blankenburg das 66 Kilometer entfernte Wolfenbüttel. Am Morgen des 13. Dezember 1989 kam es zu einem Gegenbesuch in der Harzstadt.

„Bürger blieben im Dunkeln. Vom Denken der Polit-Funktionäre“ lautete einen Tag später die Überschrift eines Kommentars in der Wolfenbütteler Zeitung. Denn die Wolfenbütteler Gäste hatten mit großer Verwunderung festgestellt, dass ihr Kommen vor der Blankenburger Bevölkerung verschwiegen worden war.

In der nahegelegenen Kultur- und Forschungsstätte Michaelstein fand anschließend ein spontan organisiertes halbstündiges Gespräch mit der damaligen Oppositionsbewegung Neues Forum statt. Ein Aufeinandertreffen zwischen Westdeutschen und der Opposition hatten SED-Funktionäre bis zur letzten Minute torpediert.


Doch statt einer Städtepartnerschaft besiegelten Bürgermeister Eßmann und Blankenburgs neuer Oberbürgermeister Bodo Kayser am 27. Juli 1990 im Theatersaal des Wolfenbütteler Schlosses einen Freundschaftsvertrag. Die Gegenurkunde wurde am 3. August im Schloss Blankenburg unterzeichnet. Doch die Probleme ostdeutscher Städte wurden bei der Zeremonie deutlich. „Wir erleben einen Exodus von jungen Facharbeitern, die hier keine Zukunft mehr sehen“, so Kayser.

Seit Sommer 2015 ist aus der Städtefreundschaft eine offizielle Städtepartnerschaft geworden.

Ost und West packen an: Der erste deutsch-deutsche Verein rettet die Kirche St. Stephani in Osterwieck

In den Monaten nach der Grenzöffnung herrschte eine Aufbruchsstimmung wie vielleicht nie zuvor in Deutschland. Getragen von persönlicher Hilfsbereitschaft, bürgerschaftlichem Engagement und ehrlicher Solidarität nutzten die Ost- und Westdeutschen die Gunst der Stunde und riefen nicht selten spontan initiierte Gemeinschaftsprojekte ins Leben.

Mit dem Öffnen des Grenzzauns bei Hornburg und Bühne am 18. November 1989 ergriff der Wolfenbütteler Dr. Klaus Thiele die Gelegenheit, die St. Stephanikirche in Osterwieck zu besichtigen. Im 12. Jahrhundert unter Herzog Heinrich dem Löwen erbaut, waren die Schäden an der imposanten Kirche mit dem romanischen Doppelturm nach 40 Jahren Vernachlässigung durch die DDR unübersehbar.

Ein großer Personenkreis aus dem Braunschweiger und Nordharzer Bereich machte es sich um den Jahreswechsel 1989/90 zur Aufgabe, die im Verfall befindliche St. Stephanikirche zu retten. Und so wurde am 4. März 1990 mit dem Kirchenbauverein St. Stephani Osterwieck e.V. der erste deutsch-deutsche Verein in zwei Staaten gegründet. Verwaltungssitz war Osterwieck, jedoch eingetragen wurde der Verein in Wolfenbüttel, weil die DDR-Behörden in Halberstadt im Zuge Wiedervereinigungsstrudels nicht wussten, wie sie diese neue Form der Zusammenarbeit in zwei Staaten mit unterschiedlichen Rechts-, Verwaltungs- und Wirtschaftssystemen sowie unterschiedlichen Währungen eintragen sollten.

In kürzester Zeit zählte der Verein 300 Mitglieder. Im ersten Jahr kamen bereits 100.000 Deutsche Mark an Spenden zusammen. Für Dr. Klaus Thiele, seine Ehefrau Liselotte, den Osterwiecker Peter Werner und die anderen Vereinsmitglieder wurde die Kirchenrestaurierung zur Lebensaufgabe mit einer unermüdlichen Kontaktpflege zu Institutionen, Politikern, Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen. Viele Unwägbarkeiten galt es aus dem Weg zu räumen: Eine kirchliche Baubehörde in Osterwieck, der Holzwurmbefall der Kunstwerke, der Kontakt mit den DDR-Bürokratie und vieles mehr. Weihnachten 1999 war die Kirche das erste Mal geheizt.

Nach 25 Jahren mit einer Gesamtinvestition von circa 2,6 Millionen Euro war mit Abschluss der Renovierung der Südfassade des Kirchenschiffs die Restaurierung von St. Stephani in Osterwieck nahezu abgeschlossen. Ein in der Wendezeit begonnenes und mit viel Pioniergeist betriebenes deutsch-deutsches Kirchenbauprojekt fand ein wundervolles Ende.

Volksbank Börßum-Hornburg eG eröffnet in der DDR: Die Auslandsfiliale

Am 30. Mai 1990 stellten die Genossenschaftsbank Börßum eG und die Volksbank Hornburg eG bei der Staatsbank der Deutschen Demokratischen Republik einen „Antrag auf Genehmigung zur Errichtung einer Repräsentanz auf dem Territorium der DDR“. Damals noch nicht offiziell fusioniert, wollten die beiden im östlichen Teil des Landkreises Wolfenbüttel gelegenen Banken als Kooperationspartner ihr Geschäftsgebiet erweitern.

Die Grundlage für die Expansionsbestrebungen bildete die „Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Unternehmen mit ausländischer Beteiligung in der DDR vom 25. Januar 1990“. Unter dem Rechtsschutz der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik konnten westdeutsche Unternehmen auf DDR-Gebiet wirtschaftlich investieren – auch die Bankenwirtschaft. Und so ließ die Genehmigung aus Berlin für eine „Auslandsfiliale“ in Osterwieck bei den sich im Jahr 1990 überschlagenden Ereignissen nicht lange auf sich warten.


Mit dem Tag der Währungsumstellung in der DDR am 1. Juli 1990 nahmen die Genossenschaftsbank Börßum eG und die Volksbank Hornburg eG die Bankgeschäfte in Form einer Auslandsrepräsentanz auf. In der Zeit davor hatten die beiden Banken ein Beratungsbüro jenseits der Grenze eingerichtet. Mit der Einführung der D-Mark anlässlich der Wirtschafts- und Währungsunion standen jetzt für DDR-Bürger auch sämtliche Sparformen zur Verfügung, die bisher in der Bundesrepublik Deutschland möglich waren. In der Anfangsphase waren bei den ostdeutschen Neukunden Ratenkredite, das traditionelle Sparbuch und Bausparen die beliebtesten Finanzprodukte.

Drei Mitarbeiter betreuten die Osterwiecker zunächst in einem mobilen Container als Notfiliale am Stobenplatz. Die Wende war die Zeit des Improvisierens. Nur einen Monat später zog die Filiale mit Unterstützung der Stadtverwaltung in ein stabiles Blockhaus. Telefonkommunikation über ein C-Netz und EDV funktionierten in der Stunde Null nicht immer problemlos.

Erst im November 1990 verschmolzen die beiden Kooperationsbanken zur Volksbank Börßum-Hornburg eG. In bester Innenstadtlage bezog die Bank 1993 eine moderne Niederlassung in einem komplett restaurierten, repräsentativen Gebäude in Osterwiecks Innenstadt.

Ausstellung: Grenzgänger – Wolfenbütteler Lebenswege in Ost und West

„Grenzgänger“ sind Menschen, die Trennendes überwinden – das können Staats- oder Landesgrenzen sein, aber auch ganz persönliche Grenzen. In den Jahren zwischen 1948 und 1961 gehörten die „Grenzgänger“ im Raum Berlin zum Alltag der deutsch-deutschen Teilung. Tausende pendelten täglich zwischen Ost und West und überwanden damit regelmäßig die Trennungslinien, die Deutschland zu einem geteilten Land machten.

Nach dem Mauerfall und der Grenzöffnung im Jahr 1989 verschwand die vorher so unüberwindbare deutsch-deutsche Grenze – zumindest äußerlich. Denn auch 30 Jahre nach diesen Ereignissen, die die meisten Deutschen als größte historische Errungenschaft bewerten, wird die deutsche Einheit noch immer intensiv diskutiert. Ist zusammengewachsen, was zusammengehört, wie Willy Brandt es formulierte? Nach dem Mauerfall und der deutschen Einheit war Deutschland beseelt von dem Gedanken, eins zu werden. „Deutschland, einig Vaterland“, dieser Vers aus der Nationalhymne der DDR wurde zu einer der wichtigen Losungen der Wendezeit.


Sind wir ein Volk? Staatsrechtlich steht dieses außer Frage, aber politisch, gesellschaftlich und zwischenmenschlich bleiben weiter Fragen offen. Ist die Einheit vollzogen, solange noch immer Wahlergebnisse und Lohnverhältnisse in Ost und West separat betrachtet werden? Was lief nach der Wende falsch und was hätte besser funktionieren können? Oder ist die Wiedervereinigung – ausnahmslos – eine Erfolgsgeschichte?

Diese und andere Fragen beantworten in der Ausstellung „Grenzgänger – Wolfenbütteler Lebenswege in Ost und West“ 21 Menschen aus ihrer persönlichen Perspektive. Sie sind in ihrem Leben aus beruflichen, privaten oder anderen Gründen aus Wolfenbüttel in die neuen Bundesländer gegangen oder von dort nach Wolfenbüttel gekommen. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Beweggründe ihrer Ortswechsel, ihre Biografien und ihre beruflichen und privaten Erfahrungen in den letzten 30 Jahren. Alle Gesprächspartner zeigen sich auf einem Foto mit einem Gegenstand, der wichtig für ihr Leben ist und zur Erzählung beiträgt.

Die „Grenzgänger“ erzählen sehr persönlich und mit großer autobiografischer Tiefe ihre Geschichte – und damit deutsche Geschichte. Es sind Erzählungen von Freiheit und Enttäuschung, von Erwartung und Trennung, von neuen Anfängen und alten Lasten, von Erinnerung und Zukunft.

  • Ausstellungsdauer: 9. August 2019 bis 9. Januar 2020
  • Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, montags geschlossen

Weitere Informationen

Flyer: Grenzgänger - Wolfenbütteler Lebenswege in Ost und West (PDF, 2,5 MB)

Ausstellung “Grenzgänger“ im Bürger Museum eröffnet


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