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27.11.2019

Ines Geipel bekommt den Lessing-Preis für Kritik

Der Lessing-Preis für Kritik 2020 wird von den Kooperationspartnern Die Braunschweigische Stiftung, Lessing-Akademie Wolfenbüttel und Stadt Wolfenbüttel an die in Berlin lebende Autorin Ines Geipel vergeben. Die Preisvergabe findet am 10. Mai 2020 um 11.30 Uhr im Lessingtheater Wolfenbüttel statt. Dies wurde am Dienstag, 26. November 2019, im Lessingtheater bekanntgegeben.

Bekannt geworden ist Ines Geipel als Spitzensportlerin der DDR: zunächst als Staffelweltrekordlerin, später als scharfe Kritikerin jeder Form des Dopings. Als amtierende Weltrekordlerin der 4x100 Meter-Staffel unternahm sie 1984 einen von der Staatssicherheit vereitelten Fluchtversuch. Fortan unterlag sie Zersetzungsmaßnahmen und musste ihre Sportkarriere beenden.

Von diesem schmerzhaften Ausgangspunkt eigener Erfahrung sind das Verschweigen und Verdrängen mit ihren psychosozialen Folgen zum zentralen Untersuchungsfeld von Ines Geipel geworden. In ihren Romanen, Essays und literarischen Sachbüchern hat sie es verstanden, die Erfahrungen des Einzelnen immer auch in ihrer politisch-historischen Dimension und als Resonanzraum für die Gegenwart zu erörtern.

Als Literaturwissenschaftlerin hat sie sich für die Rehabilitierung von Autorinnen und Autoren in der DDR eingesetzt, die aus politischen Gründen „unsichtbar“ gemacht wurden. Diese Arbeit mündete ab 2000 in den Aufbau des „Archivs der unterdrückten Literatur in der DDR“. Die komplexen Zwänge einer Diktatur mit ihren zersetzenden Wirkungen auf den Einzelnen sind Thema ihrer Romane Das Heft (1999), Heimspiel (2005) und Tochter des Diktators (2017). Im Frühjahr 2019 erschien Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass, ein historiographisch und familienbiographisch angelegter Großessay. Ausgangspunkt sind die Verstrickungen der eigenen Familie in die Holocaust-Verwaltung, die SS, die Stasi. Geipel beschreibt eine Geschichte des Mitmachens und Verdrängens, die, weil sie nie zur Sprache kam, auch die Folgegenerationen deformierte. Es sind Schäden, die nach der Implosion der ostdeutschen Diktatur dem Aufbau einer offenen und partizipativen Demokratie entgegenstehen.

Die Sprache von Geipels Büchern – eine in kurzen Sätzen gehaltene „brillante Prosa“ (Rainer Moritz) – bricht das Schweigen über Erfahrungen, die nie allein den Einzelnen betreffen. Vielmehr rekonstruieren ihre Texte diese Erfahrungen durchweg als gesellschaftliche Psychogramme. Mit der Macht der Ideologie in wörtlicher, schmerzhafter, körperlicher Weise in Berührung gekommen, hat Ines Geipel Worte für den einschlägigen Zusammenhang von Verdrängung und Gewalt gefunden, dem sie mit ganz eigenen Formen der Aufarbeitung begegnet.

Ihre Texte, oft konkret von körperlichen Verletzungen ausgehend, verfolgen deren Wirkung auf das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Es sind hochoriginelle, ungewöhnlich mehrdimensionale Anregungen zur Selbstverständigung einer in vielen Fragen gespaltenen Bevölkerung. Sie erhellen deren aktuelle Verunsicherungen und die Unversöhnlichkeit ihrer Auseinandersetzungen bis tief in den Seelenzustand der Gesellschaft hinein. Ines Geipels Werk übt eine im eigentlichen Sinn der Aufklärung nicht rationalistisch verkürzte, am Konzept des ganzen Menschen orientierte Kritik.

Für den Förderpreis hat Ines Geipel drei junge Forscherinnen vorgeschlagen - Ekaterina Melnikova, geboren 1994, Ekaterina Pavlenko, geboren 1996 sowie Margarita Maslyukova, geboren 1992. Alle drei gehören der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ an und arbeiten zur Geschichte der friedlichen Revolution 1989 in Russland - heute in Russland wieder ein Tabuthema. Aktuell präsentieren die drei ihre Ausstellung „Vor der Wand“, die den Konnex zwischen den friedlichen Protesten 1989 und der Notwendigkeit von Protesten im gegenwärtigen Russland sucht. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial International“ wurde 1988 gegründet und besteht aus über 80 Organisationen in Russland, anderen postsowjetischen Staaten und dem weiteren Ausland. „Memorial“ entstand im Herbst 1987 während der Zeit von Glasnost und Perestroika in Moskau, Gründungsvorsitzender war Andrei Sacharow. Zu den Zielen der Organisation zählen die Aufarbeitung der GULag-Geschichte durch umfassende Dokumentationen und Veröffentlichungen sowie soziale Fürsorge für Überlebende, die öffentliche Diskussion der Menschenrechtslage in Russland und Tschetschenien, der Kampf gegen ethnische Diskriminierungen und den Rechtsextremismus und anderes mehr. Die Vereinigung, im Inland unter dem Druck russischer Behörden stehend und als Handlanger „ausländische Agenten“ verunglimpft, erhielt einige internationale Auszeichnungen, darunter den Alternativen Nobelpreis im Jahr 2004.

Der Preis

Der Lessing-Preis für Kritik wird seit dem Jahr 2000 gemeinsam von Lessing-Akademie Wolfenbüttel und Die Braunschweigische Stiftung verliehen. Als Mitvergebende des Preises fungiert seit diesem Jahr erstmals auch die Stadt Wolfenbüttel. Am 10. Mai 2020 wird der Lessing-Preis für Kritik 2020 im Lessingtheater Wolfenbüttel verliehen.

Mit dem Lessing-Preis für Kritik wird, nach dem Vorbild Lessings, Kritik in einem elementaren, fachübergreifenden, auch gesellschaftlich wirksamen Sinn aus¬gezeichnet, eine bedeutende, geistig und institutionell unabhängige, risikofreudige kritische Leistung. Es gehört zu der Besonderheit des alle zwei Jahre vergebenen Preises, dass der Preisträger einen Förderpreisträger eigener Wahl bestimmt. Dotiert ist der Lessing-Preis für Kritik mit insgesamt 20.000 (15.000 und 5.000) Euro. Die bisherigen Preisträger und Förderpreisträger waren Karl Heinz Bohrer / Michael Maar (2000), Alexander Kluge / St. Petersburger Cello-Duo (2002), Elfriede Jelinek / Antonio Fian (2004), Moshe Zimmermann / Sayed Kashua (2006), Peter Sloterdijk / Dietmar Dath (2008), Kurt Flasch / Fiorella Retucci (2010) Claus Peymann / Nele Winkler (2012), Hans-Ulrich Wehler / Albrecht von Lucke (2014) Dieter Wieland / Thies Marsen (2016) sowie Elizabeth T. Spira / Stefanie Panzenböck (2020).

Die Jury

Zur Jury für den Lessing-Preis für Kritik 2020 gehören die Münchener Publizistin Dr. Franziska Augstein, die Konstanzer Romanistin Professor Dr. Ulrike Sprenger, der Leiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt Braunschweig Professor Dr. Joachim Block, der Hallenser Germanist Professor Dr. Daniel Fulda sowie Professor Dr. Cord-Friedrich Berghahn, Germanist aus Braunschweig und Präsident der Lessing-Akademie.


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