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07.12.2019

Nobelpreis und Wolfenbüttel?

Wenn am 10. Dezember in Stockholm die Nobelpreise verliehen werden, dann wird diese Zeremonie auch in Wolfenbüttel aufmerksam verfolgt – allerdings aus mehr als reinem Zuschauerinteresse. In einem Büro am Am Exer sitzen dann Prof. Dr. Edgar Wingender und Dr. Alexander Kel vor dem Fernseher. Sie beobachten vor allem die Ehrung der Forscher William G. Kaelin, Sir Peter J. Ratcliffe und Gregg L. Semenza, die den Nobelpreis für Medizin 2019 erhalten. Sie werden in Schweden für ihre Entdeckung ausgezeichnet, wie sich Zellen an schwankenden Sauerstoffgehalt anpassen.

"Wir sind mit unserer Forschung ziemlich nah dran an dem, was dieses Trio zuletzt erforscht hat", erklärt Prof. Wingender, Gründer und Geschäftsführer der Firma geneXplain GmbH. Tatsächlich sucht er mit seinem Team in einem von der Europäischen Union geförderten Projekt neue Wege zur Bekämpfung von Krebszellen. Mit dem Förderprogramm EuroStars werden auf Initiative aus Brüssel ganz bewusst kleine Firmen (wie geneXplain) und große Institute zur Produktentwicklung zusammengeführt. Eines der geförderten Projekte ist "OxidoCurin": "Mit uns im Boot sitzt das Karolinska-Institut Stockholm", berichtet der wissenschaftliche Geschäftsführer Dr. Kel – nicht ohne Stolz: Immerhin werden genau dort alljährlich die Gewinner des Medizin-Nobelpreises bestimmt.

Anlass für eine differenzierte Herangehensweise an die Krebsbekämpfung war die Erkenntnis, dass die bisherige Chemotherapie Schwächen hat. Sie ist zwar weit verbreitet, gilt aber als in die Jahre gekommen. "Einerseits wirkt sie nicht nur gegen Krebszellen, sondern tötet alle Zellen, die wachsen", erläutert Prof. Wingender. "Zudem gibt es viele unerfreuliche Nebeneffekte, beispielsweise Übelkeit und Haarausfall."

Was den Kampf gegen Krebs schon seit jeher schwierig macht und in der Vergangenheit stets für viele Rückschläge sorgte: "Krebs ist nicht die eine, sondern eine Sammlung verschiedener Krankheiten." Gleichwohl suchen Wissenschaftler weltweit nach dem, was Krebszellen gemeinsam haben und was sie deutlich von gesunden Zellen unterscheidet.

Also machten sich die Wolfenbütteler Wissenschaftler gemeinsam mit Kooperationspartnern in Schweden und Russland auf die Suche nach einer Art Achillesferse der Krebszellen, also ihrem Schwachpunkt. In einem Wechselspiel aus computergestütztem „Screening“ von Millionen chemischer Substanzen und ersten experimentellen Studien wurden sie fündig: bei der Beobachtung, wie Zellen auf die unterschiedliche Versorgung mit Sauerstoff reagieren – genau das Thema der Nobelpreisträger. "Es ist bekannt, dass Sauerstoff-Radikale unheimlich reaktionsfreudig sind und die Zellen töten können", sagt Dr. Kel.

Hierbei seien die nun mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Ergebnisse ein Riesenschritt, jubeln die Wolfenbütteler. Schon bald könne es möglich sein, jede Art von Krebs gezielt zu bekämpfen. "Wir können die Hoffnung nähren auf eine Renaissance der Idee, dass es ein Medikament für alle Arten von Krebs geben wird."

Das Projekt „OxidoCurin“ befindet sich im zweiten Jahr der dreijährigen Laufzeit. Die ersten Jahre galten den Laborversuchen, in denen die neue Therapie von den schwedischen Partnern zunächst an Zellkulturen getestet wurde: Alle untersuchten Krebszellen wurden abgetötet, normale Zellen erwiesen sich als resistent. Daraufhin wurden Tests an Mäusen durchgeführt. "Sie wurden mit Leukämie, Brust- und Darmkrebs infiziert", schildert Prof. Wingender. "Bei ihrer Bekämpfung gab es fantastische Effekte." Um diese Effekte zu erklären, mussten die Partner aus Schweden zunächst herausfinden, welche Proteine in den Krebszellen die Zielmoleküle für die neue Therapie darstellen.

Nun kommen die Wolfenbütteler ins Spiel. Das Team von Wingender und Kel arbeitet vor allem mit Datenbanken und gewaltiger Rechner-Leistung. "Wir haben Daten über Zell-Linien von rund 1000 Krebsarten verfügbar. Es gilt nun aus diesen Daten herausfiltern, auf welchem Weg welche Resultate ausgelöst werden." Zweites wichtiges Ziel: "Wir suchen die Marker, mit denen der Erfolg der Therapie verfolgt werden kann." Dies ist wichtig für die Frage, bei welchem Menschen welche Menge des Medikaments wirkt.

Die Ergebnisse aus Schweden werden also in Wolfenbüttel verarbeitet. "Am Ende wollen wir den Mechanismus verstanden und die persönlichen Marker entschlüsselt haben", sagen die Forscher – "und es soll eine Patentanmeldung stehen." Erst danach werde es in der vorklinischen Phase intensivierte Tierversuche, und schließlich die verschiedenen klinischen Phasen geben. Bis ein neues Verfahren marktreif ist, vergehen Jahre. "Aber was das Ergebnis angeht, sind wir sehr zuversichtlich", sagen beide. "Allerdings sind wir auf starke Partner angewiesen." Zwei große Firmen der Pharma-Industrie seien bereits aufmerksam geworden und hätten Interesse signalisiert. Auch eine weitere Zusammenarbeit auf Ebene der Europäischen Union sei absehbar, zudem winken Fördergelder aus einem nationalen Topf des Gesundheitsministeriums. "Da ziehen viele an einem Strang", freuen sich Wingender und Kel. Kein Wunder, immerhin geht es gegen den Krebs – eine Geißel der Menschheit.

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