Sprungziele
Hauptmenü
Inhalt

Fachtag Frühe Hilfen: Ein Mehr an Miteinander ist wesentlich

Jede Menge Hintergrundwissen und interessante Diskussionen standen beim diesjährigen Fachtag „Frühe Hilfen“ am vergangenen Dienstag, 11. Juni 2024 in der Lindenhalle auf dem Programm. Unter dem Titel „Risiko Kindheit - … So habe ich das noch nie gesehen…!“hatte der Landkreis Wolfenbüttel mit der Fachstelle Frühe Hilfen und der Kitafachberatung, die Kitafachberatung der Stadt Wolfenbüttel sowie der Runde Tisch Frühe Hilfen gemeinsam eingeladen. Moderiert wurde der Fachtag von Silke Schirmer.

Blick über voll besetzte Zuschauerreihen. © Stadt Wolfenbüttel
Rund 250 interessierte Fachkräfte hatten sich zum Fachtag angemeldet
Porträt einer Frau © Stadt Wolfenbüttel
Dr. Nicole Strüber

Rund 250 interessierte Fachkräfte lauschten zunächst gespannt einem Vortrag von Dr. Nicole Strüber (Entwicklungsneurobiologin und -psychologin). Welche Bedeutung haben frühe Erfahrungen auf die kindliche Hirnentwicklung und welchen Einfluss gegebenenfalls auf die weitere Entwicklung des Kindes und Erwachsenen? Wie wirkt sich dabei Stress aus? Was brauchen vor allem Kleinkinder? Welche Belastungen erleben Kinder aktuell und welche Regulationsmöglichkeiten stehen im Alltag zur Verfügung? Welchen Einfluss könnte dieses Wissen möglicherweise haben? Fragen, die von der bekannten Wissenschaftsautorin anschaulich behandelt wurden.

Alle Einflüsse von Erfahrungen beginnen bereits vorgeburtlich. Erlebe die werdende Mutter erheblichen, chronischen Stress, dann schüttet sie Stresshormone aus. Und wenn der Stress chronisch ist, erreichen diese Stresshormone auch das Kind. „Wenn Kinder vorgeburtlich gestresst sind oder wenn die Mutter gestresst ist, dann beeinflusst dies die kindliche Stressreaktion“, sagt Nicole Strüber. Und hiermit auch das kindliche Temperament. Man spreche hier von fötaler Programmierung. Diese müsse aber nicht von Dauer sein. Wenn Kinder liebevolle Fürsorge erhalten, kann das auch ihre Stoffsysteme prägen und damit diese „Programmierung außer Kraft setzen.

Die Neurobiologin führt weiter an, dass in Situationen des liebevollen Miteinanders, wie zum Beispiel beim Stillen, beim Kuscheln, bei Berührungen, aber auch bei vertrauensvollen Gesprächen, das Hormon Oxytocin ausgeschüttet werde. Dieses hemme die Stressreaktion. Oxytocin fördert die soziale Motivation, flexibles Denken, Lernen und Veränderung“, erklärt sie.

„Kinder brauchen ein gut funktionierendes Stresssystem, um mit hohen Anforderungen umzugehen, um emotional und sozial kompetent zu sein. Für die Kinder, die aufgrund ihrer Gene oder auch aufgrund von vorgeburtlichem Stress ein schwieriges Temperament haben, ist diese frühe Stresshemmung umso wichtiger. Sie brauchen mehr „sichere Bindung“ als andere Kinder, um sich vor diesen übermäßigen Stresshormonen zu schützen. Sie brauchen mehr Möglichkeiten, um Ruhe zu finden. Kinder benötigen jedoch nicht nur Bindung, sie brauchen auch Exploration. Also die Gelegenheit, eigenständig und selbstgesteuert ihre Umwelt zu erkunden, um von ihrer Umwelt zu lernen. Das Gehirn braucht Erfahrungen, um sich an seine jeweilige Umwelt anzupassen. Kinder brauchen deshalb auch das Spiel“, macht Nicole Strüber deutlich.

Ein wichtiger Punkt und Problem heutzutage sei sicherlich, dass viele Eltern aufgrund ihres Lebensstils sehr gestresst sind. Ihr Rat daher: „Wir brauchen alle weniger Stress. Wir sollten unsere Prioritätenlisten neu sortieren, Verschiebbares verschieben, gerade wenn wir kleine Kinder haben. Was Kinder wirklich brauchen, ist Bindung und Nähe. Wenn uns die Hirnforschung zeigt, dass Kinder sich nicht selbst aussuchen, ob sie reizbar sind, leicht wütend, frustrationsintolerant, sondern diese Gefühle unbewusst im Gehirn entstehen und zudem durch vorgeburtliche und frühkindliche Stresserfahrungen beeinflusst werden, dann sollten wir auch die Gefühle annehmen und in der Konfrontation mit starken und schwer nachvollziehbaren Gefühlen ein zugewandtes und verständnisvolles elterliches Verhalten aufrechterhalten, auch wenn das schwer ist. Ein Kind hat immer gute Gründe für sein Verhalten.“

Blick auf eine Tribüne auf der mehrere Personen sitzen. © Stadt Wolfenbüttel
Das anschließende Podiumsgespräch mit Fachleuten aus der Region ergänzte anschaulich und lebendig aus den jeweiligen Praxisbezügen den Vortrag

Das anschließende Podiumsgespräch mit Fachleuten aus der Region ergänzte anschaulich und lebendig aus den jeweiligen Praxisbezügen die Ausführungen von Dr. Nicole Strüber. Dabei waren Dr. Isabel Ferger (Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin in Wolfenbüttel), Björn Bamberg (Kitaleitung), Jörg Hermann (leitender Diplom Psychologe, Psych. Psychotherapeut der Erziehungsberatungsstelle und der Fachstelle Frühe Hilfen des Landkreises Wolfenbüttel), Isabel Fetscher (Elternvertreterin im Stadtelternrat Kita), Sabine Peschke-Tepe (Leiterin der Frühförderstelle Wolfenbüttel) und Dr. Nicole Strüber.

Was die Podiumsteilnehmenden in ihrem Berufsalltag eint, ist die Erfahrung, dass es viel Verunsicherung unter den Eltern gibt. Wie erziehe ich richtig? Was heißt in der heutigen Zeit „gute Eltern“ sein? Welche Betreuung ab welchem Alter und wie lange am Tag?

Der Balanceakt zwischen pädagogischen Angeboten für Kinder und auch das Aushalten und Vorleben von Langeweile, die vor allem positive Aspekte der Kreativitäts- und Selbständigkeitsförderung für das Kind bereithält, ist herausfordernd. Oft führt es dazu, dass Kinder schnell und zu viele Angebote durch Erwachsene bekommen und dadurch verhindert wird, den eigenen Impulsen zu folgen.

Das Verhalten von Kindern, wie die Wut oder den Widerstand in Stresssituationen verstehen und vor allem anerkennen, dass die Kleinkinder nichts dafür können, sondern Erwachsene in Familie, Krippe, Kindergarten wichtig sind zur Beruhigung und Begleitung des Kindes. Auch die Natur als Quelle der Ruhe für Kinder und Erwachsene zum Stressabbau wurde genannt, nicht neu, aber im Alltag oft vergessen. Liebevolle und feinfühlige Zuwendung, die Signale des Kindes wahrnehmen, zum Beispiel auch abzuwarten, was es sich selbst zum Spielen sucht, seien wesentlich.

Fazit: In allen Lebensbereichen Stress reduzieren, mehr Beruhigung und Körperkontakt suchen. Ein Mehr an Miteinander ist wesentlich, darin waren sich alle Expertinnen und Experten einig.

Jörg Hermann brachte es so auf den Punkt: „Nicole Strüber hat uns sehr anschaulich aus wissenschaftlicher Sicht die Bedeutung dessen vor Augen geführt, was wir in unserer täglichen Arbeit mit den Familien versuchen: Zu erarbeiten, wie sich Stressoren im Familienleben identifizieren lassen, um sie möglichst zu kontrollieren und Eltern darin zu unterstützen, ihren Kindern ein sicherer Hafen zu sein, von dem aus sie aufbrechen können, um die Welt zu erkunden und in den sie zurückkehren können, wenn sie Schutz oder Trost brauchen.“

Kontakt

Fachstelle Frühe Hilfen im Landkreis Wolfenbüttel

17.06.2024