Ex-Europameister sorgt für neue Schlagzahl bei den Stadtwerken
Hinweisen auf seine Körpergröße begegnet Ingo Schultz mit einem Lächeln. Der neue Geschäftsführer der Stadtwerke Wolfenbüttel misst stattliche 2,02 Meter – und somit mehr als sein Vorgänger Matthias Tramp, der es auch schon auf 1,96 Meter brachte. "Ja", sagt Schultz und muss lachen, "die Stadtwerke wollen wachsen."
Aber wollen sie das wirklich? Lokalen Energie-Lieferanten in kommunaler Trägerschaft sind ja in puncto Zielgruppe ein wenig die Hände gebunden. "Kein Problem", meint der 50-Jährige. Einerseits lassen sich derzeit erst 80 Prozent der städtischen Haushalte von den Stadtwerken mit Strom und Gas beliefern. "Die fehlenden 20 Prozent wollen wir auch noch überzeugen und als Kunden gewinnen."
Andererseits seien die Stadtwerke berechtigt, auch außerhalb des Stadtgebietes neue Kundenkreise zu erschließen. "Und dann peilen wir auch noch völlig neue Geschäftsfelder an", erklärt der studierte Elektrotechniker. Die Firma könnte beispielsweise Wärme liefern. "Auch Photovoltaik auf Freiflächen sind sehr reizvoll." Zwei städtische Grundstücke hat er dazu schon auf dem Radar. "Wichtig ist immer, dass kein sonstiger Nutzen möglich ist, gerade bei den guten Böden in der Region." Landwirtschaft habe Vorrang. "Aber an Autobahnen oder Bahngleisen zum Beispiel sehe ich Potenzial."
Seit Januar ist Ingo Schultz Geschäftsführer, und zwar neben Vera Steiner, die als Sprecherin fungiert. Sein Part besteht aus den Abteilungen Technik und IT, doch seine Vita hat noch mehr zu bieten – und deutet ebenfalls auf Wachstum. Er durchlief mehrere große Energiefirmen und lernte dabei sämtliche Abteilungen sozusagen von der Pike auf kennen. Ganz wichtig für seine persönliche Entwicklung war 2013 der Schritt zu Hamburg-Energie, einem frisch gegründeten Strom-Anbieter, der zu 100 Prozent den Hamburger Wasserwerken gehörte. "Ich habe einen Wärme-Bereich aufgebaut von 3 auf 20 Mitarbeitende, und in der Zeit musste ich alles machen, von Planung über Betrieb bis Vertrieb habe ich dabei die gesamte Wertschöpfungskette durchdrungen."
Als das ursprüngliche StartUp 2021 mit Wärme Hamburg fusionierte, avancierte Ingo Schultz zum technischen Geschäftsführer der "Avacon Natur" in Sarstedt. "Das war ein großer Schritt in ein sehr großes Gebiet", sagt er rückblickend. Vor allem musste er vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges gleich ins Krisenmanagement einsteigen: "Explodierende Energiepreise und Gasmangel hielten uns mächtig auf Trab."
Nun also Wolfenbüttel. Ist das ein Rückschritt? "Nein", antwortet er erwartungsgemäß, "ein Schritt nach vorn." Die Stadtwerke seien viel breiter aufgestellt als vorherige Arbeitgeber. "Der Reiz ist, hier verschiedene Bereiche weiterzuentwickeln." Ein Wärmenetz, die Dekarbonisierung, die technische Effizienzsteigerung – all das werden Spielfelder sein, auf denen sich die Stadtwerke künftig tummeln sollen. Aktuelles Beispiel, das allerdings schon vor der Ära Schultz angeschoben wurde: "Wir werden aus dem Abwasser der Kläranlage durch Wärmetauscher Energie ziehen." Die Theorie stehe schon, nun gehe es an die Umsetzung.
Und damit zum letzten Gebiet künftiger Expansion. Bei den Stadtwerken, an denen die Avacon 26 Prozent der Anteile hält, sind aktuell 140 Köpfe beschäftigt, sagt der neue Geschäftsführer. Laut Projektstudie sollen bis 2040 rund 100 neue Mitarbeitende eingestellt werden. "Natürlich gehen in diesem Zeitraum auch einige in Rente." Gleichwohl erfordere die Energiewende-Strategie schlicht mehr Personal. "Aktuell stellen wir Bauingenieure ein, um den wachsenden Erdbau vorzubereiten. Und wir suchen Projektabwickler für den technischen Service."
Die gesamte Belegschaft traf sich kürzlich, um den neuen Kurs zu besprechen. Dazu gehört eine flachere Hierarchie im Hause – und das Du zwischen allen. "Wir haben es zumindest angeboten. Viele wollen, keiner muss." Klar wurde bei dem Treffen auch: Die Schlagzahl im Hause soll sich erhöhen. "Gemeinsam mit dem Bürgermeister haben wir uns darauf geeinigt, ein Projektmanagement einzuführen." Das sei wichtig, um die starke Versorgungssicherheit in Wolfenbüttel zu erhalten, gleichzeitig aber die neuen Geschäftsfelder effizient zu beackern.
Übrigens ist der lange Mann auch auf anderem Gebiet herausragend – oder war es zumindest: Der Leichtathlet aus Lingen/Ems war über seine Paradestrecke (400 Meter) Vize-Weltmeister (2001), Europameister (2002) und erreichte bei Olympia den Staffel-Finallauf (2004). "Dabei kam ich recht spät zum Leistungssport, absolvierte erst mit 22 meinen ersten Wettkampf."
Seine Top-Resultate jedenfalls sprechen dafür, dass der Mann sich fokussieren kann, und das wird er auch in Wolfenbüttel tun. "Die Stadt gefällt mir gut, vor allem die schöne Innenstadt. Abends halte ich mich gern auf dem sehr gelungenen Meesche-Sportpark fit." Außerdem fährt er viel Fahrrad. Mit E-Bike und Strom aus der Steckdose? "Nein, da nutze ich meine eigene Energie."