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„Diese Tafel gibt acht Männern ihre Namen zurück“

Seit Freitag, 17. Juni 2022, erinnert eine neue Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Wolfenbütteler Hauptfriedhof an Opfer der NS-Gewaltherrschaft. 100 Meter vom Standort entfernt, auf der linken Seite am Ende der Abteilung 29 befindet sich das Grab von Wolfenbütteler Bürgern, die wegen ihrer politischen Überzeugungen während der nationalsozialistischen Diktatur ermordet wurden.

Auf dem Friedhof stehen viele Menschen rund um eine große Informationstafel, vor der ein Mann spricht. Es ist die Geschichts- und Erinnerungstafel Wolfenbüttel: Opfer der NS-Gewaltherrschaft © Stadt Wolfenbüttel
Einweihung der Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Wolfenbütteler Friedhof

„Heute auf Tag genau vor 75 Jahren wurden die sterblichen Überreste von Alfred Müller, Fritz Fischer und Alfred Perkamps beigesetzt“, begrüßte Bürgermeister Ivica Lukanic die vielen Interessierten. Besonders freute ihn die große Resonanz der Schülerinnen und Schüler der Carl-Gotthard-Langhans-Schule (CGLS), die nicht nur im Rahmen eines Schulprojektes vor Ort geforscht, sondern auch die Metallarbeiten der Gedenktafel übernommen haben. Gerne hat die Stadt Wolfenbüttel daher auf Anregung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Finanzierung der Geschichts- und Erinnerungstafel übernommen.

„Diese Tafel gibt acht Männern, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden und die hier auf dem Hauptfriedhof ihre letzte Ruhestätte fanden, ihre Namen zurück. Es handelt sich um Fritz Fischer, Alfred Müller, Herrmann Müller, Paul Pawelski, Alfred Perkampus, Fritz Röttger, Kurt Strupat und Heinrich Wedekind“, so der Bürgermeister, „Sie starben, weil sie den Nationalsozialismus zutiefst ablehnten, weil sie ihn bekämpften.“

Die Zeit des Nationalsozialismus sei auch in Wolfenbüttel ein einschneidendes Ereignis gewesen. Auch hier habe es Fanatismus, blinden Gehorsam und Terror, Täter, Opfer und Mitläufer gegeben. Die Zeit des Nationalsozialismus sei somit in Wolfenbüttel genauso erfahrbar, wie an jedem anderen Ort in Deutschland. Die nationalsozialistische Ideologie und ihre Auswirkungen habe keine Stadt, keine Gemeinde, kein Dorf verschont und leider bilde Wolfenbüttel hierbei keine Ausnahme.

„Der Nationalsozialismus hat von Anfang an keine Zweifel an seinen Zielen gelassen: Er wollte von Beginn an vernichten. Es war seine erklärte Absicht, alle in seinem Sinne politischen, religiösen, und ideologischen Gegner auszumerzen. Die Diskussion, der Kompromiss, der Konsens, alle zivilisierten Formen des politischen Umgangs, waren ihm nicht nur fremd – er verachtete sie. Der Nationalsozialismus reduziert sich auf die Formel: Ausschalten, was uns nicht passt“, erinnerte Lukanic.

Wir seien es den Opfern schuldig, die Erinnerung an dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zu bewahren. Und wir seien es uns und den Nachgeborenen schuldig, vor allem vor dem Hintergrund, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt, die von damals berichten können. Hier setze der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an, der im Rahmen seiner Bildungsprojekte Werte, wie Menschrechte, Demokratie und Frieden vermitteln wolle. Ein zentrales Format dieser Bildungsarbeit seien Geschichts- und Erinnerungstafeln.

Der Bürgermeister steht mit SChülerinnen und Schülern vor einer großen Informationstafel, der Geschichts- und Erinnerungstafel Wolfenbüttel: Opfer der NS-Gewaltherrschaft © Stadt Wolfenbüttel
Bürgermeister Ivica Lukanic mit Schülerinnen und Schülern der Carl-Gotthard-Langhans-Schule


Diese würden bewusst in Form von Schulprojekten verwirklicht, damit Schülerinnen und Schüler unmittelbar die Geschichte des Nationalsozialismus in ihren Heimatgemeinden erforschen können. „Sie dokumentieren ihre Ergebnisse – so wie hier – auf öffentlich zugänglichen Tafeln und informieren damit die Öffentlichkeit über Geschichte und Bedeutung des jeweiligen Erinnerungsorts. Mein Dank gilt daher den Schülerinnen und Schülern der Carl-Gotthard-Langhans-Schule, die sich hier so engagiert und interessiert eingebracht haben“, lobte der Bürgermeister.

Die Schülerinnen und Schüler hätten über das Gräberfeld geforscht und sich dabei intensiv mit der Phase der Machtübertragung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 auseinandergesetzt. Das Resultat sei nun die Erinnerungstafel, die Besucherinnen und Besucher dieser Stelle nicht mehr ratlos zurücklasse, sondern erkläre, wer diese Männer waren und welches Schicksal ihnen wiederfahren sei.

Porträt einer sprechenden Frau © Stadt Wolfenbüttel
Stellvertretend für die rund 50 beteiligten Schülerinnen und Schüler sowie fünf Lehrkräfte der CGLS blickte Nihad Hussein auf das Projekt zurück.

Stellvertretend für die rund 50 beteiligten Schülerinnen und Schüler sowie fünf Lehrkräfte der CGLS blickte Nihad Hussein auf das Projekt zurück: „Das Erschreckende für uns war, dass sowohl die Opfer als auch die Täter in Wolfenbüttel in der Kommunalpolitik aktiv waren. Die Männer wurden zu Tode gefoltert, nur weil sie in verschiedenen Parteien waren. Nur um an die Macht zu kommen, wurden von den Tätern jegliche Menschenrechte ignoriert. Für uns heute unvorstellbar.“ Zum Glück seien ihre Schule und die Stadt heute Orte der Toleranz und des friedlichen Miteinanders.

Auch in den Augen von Landrätin und Volksbund-Kreisvorsitzende Christiana Steinbrügge habe der Gedenkort für die Opfer der willkürlichen Gewalt durch die von den Schülerinnen und Schülern gestaltete Erinnerungstafel eine Aufwertung erfahren. Berthold Brücher, Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dankte der Projektgruppe ebenfalls für die Arbeit: „Ihr gebt den Männern ihre Geschichte.“ Der Vorsitzende des Volksbund-Bezirksverbandes Braunschweig, Walter-Johannes Herrmann unterstrich, dass mit diesem Projekt auch aktive Friedensarbeit geleistet werde und er hoffe, dass sich die Schülerinnen und Schüler auch weiterhin für den Frieden einsetzen werden. CGLS-Schulleiter Stefan Volkmann konnte dies bejahen. „Den nun beendeten Auftrag, den wir den Schulklassen gegeben haben, war die historische Recherche und die praktische Metallbearbeitung. Er wird nun aber fortgetragen als eine Art moralischer Auftrag, sich heute und in Zukunft für eine friedvolle, vielfältige und demokratische Lebensweise in Deutschland und in Europa stark zu machen.“

Hintergrund

Die Geschichts- und Erinnerungstafel ist im Rahmen eines Schulprojekts mit den Berufsbildenden Schulen des Landkreises Wolfenbüttel, der Carl-Gotthard-Langhans-Schule, entstanden. Schülerinnen und Schüler der Fachoberschule Sozialpädagogik (FOQ 21) und Auszubildende des Einzelhandels (WKE 20) haben sie im Schuljahr 2021/22 erarbeitet sowie auch Schülerinnen und Schüler aus dem Berufsfeld Fahrzeugtechnik. Schülerinnen und Schüler der einjährigen Berufsfachschule Metalltechnik haben das Gestell der Tafel angefertigt.

Weitere Informationen

Mehr über das Projekt Geschichts- und Erinnerungstafel der Carl-Gotthard-Langhans-Schule

  1. Geschichts- und Erinnerungstafel Wolfenbüttel: Opfer der NS-Gewaltherrschaft

    © Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Kontakt

  1. Stadtverwaltung Wolfenbüttel
  2. Carl-Gotthard-Langhans-Schule